Sonntag, 30. Dezember 2007

Fettkiller - Tatort Essstörungen

Am Nachmittag erhielt ich während meines Bereitschaftsdienstes in einer Klinik für Essstörungen einen Anruf von einem Mitarbeiter der Bild-Zeitung, der mich zum Tatort "Fettkiller" am 30.12. befragte. Es ging ihm - übrigens selber Arzt - um einige Basisinformationen zum Thema Anorexie.

Nun ist das gestörte Essverhalten bzw. die "Magersucht" des Modells als Hauptdarstellerin ja schlon sehr klischeebeladen. Aber auch nicht so wirklichkeitsfern, wenn man die Meldungen über Todesfälle von Modells im Jahr 2007 anschaut.

Hauptthema ist aber ja die Fiktion eines nebenwirkungsfreien "Fettkillers", oder die "Rund-um-Sorglos-Schlankmach-Pille". Angedeutet wurde übrigens durchaus richtig, dass es Medikamente zum Abnehmen gibt, die z.B. auf Grundlage der auch zur Behandlung von Depressionen eingesetzten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) funktionieren.

Wie mir eine Patientin heute berichtete, meist nur mit einem kurzzeitigen Effekt. Immerhin kann der "Jieper" nach kohlenhydratreicher Kost bzw. Süssigkeiten damit meist gedämpft werden, weil diese Substanzen eben auch SSRI als Botenstoff im Gehirn aktivieren.


Weit weniger empfehlenswert sind dagegen Schlankheitsversprecher, die denn Fettstoffwechsel beeinflussen und quasi eine künstliche Bauchspeicheldrüsenfehlfunktion erzeugen. Die Nebenwirkungen wie Blähungen, Durchfall etc. würde ich jedenfalls nicht in Kauf nehmen.

Ebensowenig wie einige auch im Internet frei verkäufliche Medikamente, die auf Basis von Psychostimulantien unkontrolliert auf dem Markt sind. Und da sind wir schon recht nah an der Fiktion des Tatort dran, da diese Medikamente tatsächlich bei der Überdosierung wahnhafte Störungen auslösen können.

Andererseits hatte ich aber - übrigens vor dem Anruf der Bildredaktion - ein Gespräch mit einer unserer Patientinnen, die aus ärztlicher Indikation eben gerade Psychostimulantien erhält. So wie in den USA das heute bei ADHS eingesetzte "Adderall" als Obitrol auf dem Markt war, kann bei einer bestimmten Gruppe von Patientinnen die Gabe dieser Medikamentengruppe durchaus sinnvoll sein. Aber eben gerade nicht als "Fettkiller" und auch nicht als Appetitzügler. Vielmehr lag bei dieser Patientin eine aus meiner Erfahrung durchaus häufiger Kombination einer Selbstregulationsstörung des Essverhaltens bzw. der Wahrnehmung von Hunger und Sättigung aufgrund eines bisher unbehandelten ADHS vor, der eine sog. Binge-eating-Störung aufrechterhält und zur Adipositas führte. Sie hatte unter der Medikation mit Psychostimulanzien eben gerade keine Appetitreduktion sondern eine bessere Wahrnehmung von Hunger und Sättigung verspürt und konnte sich z.B. bei Süssigkeiten und Chips jetzt deutlich besser "stoppen". Allerdings nur, wenn sie die in der Esspsychotherapie bzw. der Ernährungsberatung und Lehrküche erlernten Verhaltensänderungen auch anwendet und gleichzeitig ihr Bewegungsverhalten aktiver gestaltet.

Wenn man bedenkt, dass jetzt erneut diskutiert wird, ob man Stimulanzien als Diätmittel einsetzen sollte (was ich übrigens strikt ablehne), so greift der Tatort doch ein erstaunlich aktuelles Thema auf.

Fazit : Die Wunderpille zum Abnehmen ohne Reue gibt es nicht. Möglicherweise wären aber durchaus medikamentöse Behandlungsmaßnahmen als Ergänzung bei einer bestimmten Gruppe von Patientinnen (eben bei Vorliegen einer ADS/ADHS-Veranlagung bzw. neurobiologisch bedingten Regulationsstörungen) sehr hilfreich....


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